Das Laufen als Lebenswerk - Winfried Aufenanger gestorben
  12.10.2021 •     HLV , Kreis Kassel


In der Nacht zu Sonntag ist Winfried Aufenanger im Alter von 74 Jahren verstorben. Mit Aufenanger verliert die regionale Leichtathletik-Szene ihren wohl bedeutendsten Trainer und Macher. Lesen Sie den Nachruf von Martin Scholz, Sportredakteur der Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen Zeitung (HNA).

Wie kein anderer hat es Winfried Aufenanger über Jahrzehnte verstanden, Athleten zu motivieren und zu Höchstleistungen zu führen. Was ihn allerdings besonders auszeichnete, war etwas anderes: Nationale und internationale Top-Leistungen von Athleten wie Ralf Salzmann oder zuletzt Melat Yisak Kejeta waren nämlich nur ein Aspekt seiner Verdienste um den Laufsport.

Mit dem Kasseler Citylauf, dem Herkules-Berglauf und seit 2007 dem Kasseler Marathon brachte er die Massen in Bewegung: Hobbysportler, Kinder und behinderte Menschen. Und nicht nur das. Obwohl der Leistungsgedanke Teil seines sportlichen Lebens war und blieb, war der Katholik Aufenanger auch den christlichen Werten unserer Gesellschaft verbunden. Schon lange bevor Angela Merkel ihren denkwürdigen Satz „Wir schaffen das“ sagte, setzte sich Aufenanger für Flüchtlinge ein, organisierte Wohnungen und half bei Asylanträgen.

Dabei nutzte der frühere Polizeibeamte, der das 3. Polizeirevier in Kassel Nord und später das 2. Polizeirevier in Vellmar geleitet hat, sein Organisationstalent und manchmal auch seine Ungeduld. Wie einem guten Läufer konnte es ihm nie schnell genug gehen. Im direkten Umgang war das für viele Menschen durchaus gewöhnungsbedürftig, weil eben Aufenanger gedanklich oft schon etwas weiter war als sein Gegenüber.

Für den früheren Mittelstreckler und Deutschen Polizeimeister waren Probleme grundsätzlich nichts Schlechtes, sondern immer ein Ansporn bei der Lösungssuche. Vor allem bei seinem letzten großen Projekt seit 2007 – dem Kasseler Marathon. Selbst nachdem Titelsponsor EAM das Ausscheiden zum Jahresende bekannt gegeben hatte, war das für Aufenanger kein richtiger Grund zur Sorge, sondern eher Ansporn. Von neuen Büroräumen in Ahnatal hatte er noch zuletzt gesprochen, und beim Sponsoring wollte er sich breiter aufstellen – ein Ende der Veranstaltung selbst nach den beiden virtuellen Läufen 2020 und 2021 war für ihn nie ein Thema.

Genausowenig wie seine Gesundheit. Seine Krebserkrankung war seit vier Jahren bekannt. Weder davor noch danach hat er sich allerdings geschont. Die regionale Laufszene zu befeuern, die Menschen „in Bewegung zu bringen“ – das war seine Vision und Mission.

Vor rund zwei Jahren verbat er sich das ständige Nachfragen nach seinem Gesundheitszustand. „Am Ende sind wir alle Sieger“ sagte da einer, der seit einer gefühlten Ewigkeit seine Mails und Newsletter „Mit laufendem Gruß“ unterzeichnete und damit auch nach außen immer klar machte, was ihm wichtig war.

Und dennoch: Winfried Aufenanger war nicht nur Trainer und Organisator. Er war auch Ehemann, Vater und vor allem Großvater. Seine drei Enkeltöchter Paula, Elisa und Charlotte waren seine große Freude. Paula, die Älteste, saß 2019 zusammen mit Aufenangers Sohn Michael im Führungsfahrzeug des Kasseler Marathons, was den Großvater, der damals krankheitsbedingt fehlte, mit großem Stolz erfüllte.

Michael Aufenanger war zudem in diesem Jahr als Geschäftsführer beim Marathon eingestiegen – vielleicht hatte auch das bis zuletzt Aufenangers Hoffnung auf das Fortbestehen der Veranstaltung am Leben erhalten. Den Marathon hat er so geliebt, dass seine Frau Brigitte, mit der er seit 1976 verheiratet war, schon mal morgens auf dem Weg vom Wohnort Ahnatal zum Start am Auestadion zusammen mit ihm Straßensperren kontrollieren musste. Er wollte eben nichts dem Zufall überlassen.

Für sein Engagement um den Sport wurde er nicht nur von der Stadt Kassel wiederholt geehrt. Noch in diesem Jahr erhielt Aufenanger das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Da konnte er bereits auf ein Lebenswerk als Marathon-Bundestrainer und zuletzt als Vereinsgründer zurückblicken: das Laufteam Kassel hatte „Mister Marathon“, zuvor jahrzehntelang untrennbar mit dem PSV Grün-Weiß Kassel verbunden, vor knapp drei Jahren gegründet.

Seine Athleten und viele Hobbyläufer in der Region werden jetzt ohne ihn auskommen müssen. Sie alle sollten in Erinnerung behalten, was Winfried Aufenanger noch im September im Hinblick auf den Kasseler Marathon gesagt hat: „Wir geben nicht auf.“

 

Text: Martin Scholz

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Foto: Michael Bald